WFI-Projektarchiv
Bewusstseinsbildung zum Wert von Familie für das Unternehmen
Wie können Erfahrungen aus Familie und Elternschaft als mögliche Lerngelegenheiten sichtbar werden – ohne daraus automatisch berufliche Skills abzuleiten? Das 2018 geförderte Pilotprojekt verband Workshops, die bereits vorhandene und projektspezifisch angepasste App be:able sowie eine begleitende Pre-Post-Evaluation.
23 Beschäftigte und Führungskräfte aus sieben Unternehmen erprobten einen strukturierten Reflexionsweg vom Alltagserlebnis zur arbeitsbezogenen Benennung. Die Ergebnisse liefern Hinweise und Entwicklungsfragen – keinen kausalen Wirksamkeitsnachweis.
Reflexionsweg im Pilotprojekt
Projektprofil
Das Projekt auf einen Blick.
Ein zeitlich begrenztes Forschungs-, Transfer- und Evaluationsprojekt zur Wahrnehmung informell eingesetzter Skills und ihrer möglichen beruflichen Anschlussfähigkeit.
Zusammenarbeit mit der Hessenstiftung
Zwei Projekte – eine weiterentwickelte Fragestellung.
Das Pilotprojekt von 2018 war nicht der Beginn der Zusammenarbeit. Bereits 2012 bearbeiteten die Hessenstiftung und das WorkFamily-Institut gemeinsam die Frage, wie informelles Lernen in der Personalentwicklung kleiner und mittlerer Unternehmen systematisch berücksichtigt werden kann.
Informelles Lernen und dessen systematische Nutzung in der Personalentwicklung
Aus einem Werkstattseminar für kleine und mittlere Unternehmen entstand eine Handreichung von Joachim E. Lask und Elisabeth Rosar. Sie formulierte einen achtstufigen, praxisbezogenen Leitfaden – von der Reflexion eigener Lernerfahrungen und einem verhaltensnahen Kompetenzmodell bis zur Einführung in Mitarbeitergespräche, Führungskräfteschulung und Prozessbegleitung.
Bewusstseinsbildung zum Wert von Familie für das Unternehmen
Das spätere Projekt richtete den Blick gezielt auf Familie und Elternschaft als mögliche Lernräume. Workshops, be:able, Befragungen und eine Abschlussveranstaltung verbanden Sensibilisierung, digitale Selbstbeobachtung und eine explorative Evaluation.
Im Mittelpunkt stand nicht die pauschale Aufwertung von Elternschaft, sondern die Frage, wie Erfahrungen reflektiert, verhaltensnah benannt und auf konkrete berufliche Situationen bezogen werden können.
Projektarchitektur 2018
Befragen, sensibilisieren, reflektieren, erneut befragen, auswerten.
Die fünf Schritte verbanden Forschung und Transfer. Sie bildeten ein zusammengesetztes Programm und wurden nicht als voneinander unabhängige Einzelinterventionen untersucht.
Online-Befragung I
Bestandsaufnahme zu Arbeits- und Familiensituation, Unternehmensklima, Identifikation, Vereinbarkeit, Enrichment und Erschöpfung.
Workshops
Getrennte Sensibilisierung von Beschäftigten mit Familienaufgaben sowie Führungskräften und Unternehmensverantwortlichen.
be:able
Alltagssituationen dokumentieren, mögliche Skills zuordnen und deren Gelingen, berufliche Bedeutung und Entwicklungsinteresse einschätzen.
Online-Befragung II
Wiederholung der Ausgangsfragen, Programmbewertung und anonymisierte Auswertung aggregierter App-Nutzungsdaten.
Abschluss
Ergebnispräsentation, Einordnung, Diskussion und Ableitung erster Handlungsempfehlungen mit den Beteiligten.
Die Evaluation bezog sich auf das zusammengesetzte Programm. Der Beitrag einzelner Bestandteile – insbesondere der App – kann nicht isoliert bestimmt werden.
Instrument im Projekt
Vorhandene App, für das Pilotprojekt angepasst.
be:able gab es bereits vor dem Hessenstiftungsprojekt. Im Projekt wurde die vorhandene App inhaltlich und optisch angepasst, eingesetzt und evaluiert.
Situation dokumentieren
Eine Alltagssituation wurde mit einer Überschrift und optional einer kurzen Erläuterung festgehalten.
Mögliche Skills zuordnen
Aus einem projektspezifischen Katalog mit 46 Begriffen konnten passende Skills ausgewählt werden. Definitionen und verhaltensnahe Beschreibungen dienten als Orientierung.
Selbst einschätzen
Die Nutzer*innen bewerteten Gelingen, wahrgenommenen beruflichen Nutzen und den Wunsch nach weiterem Training auf Fünf-Sterne-Skalen.
Selbstreflexion – keine automatische Erkennung und keine objektive Kompetenzmessung.
Pilotstichprobe
23 Personen aus sieben kleinen Unternehmen.
Die beteiligten Unternehmen hatten laut Projektbericht jeweils zwischen einer und 50 beschäftigten Personen. Die Stichprobe war klein und selbstselektiert.
Die 23 Teilnehmenden waren 34 bis 56 Jahre alt (M = 45,60) und hatten mindestens ein Kind. Der Bericht dokumentiert 12 Männer und 11 Frauen; diese Angaben beschreiben die damalige Stichprobe und kein vollständiges heutiges Geschlechtermodell. Am Workshop für Beschäftigte mit Familienaufgaben nahmen 13 Personen teil. Der Führungskräfteworkshop erreichte neun Führungskräfte, darunter sieben Geschäftsführungen. 16 Personen registrierten sich in be:able; 12 nutzten die App mindestens an drei aufeinanderfolgenden Tagen.
Datengrundlage
Befragungsdaten, Nutzungsspuren und subjektive Einschätzungen.
Die drei Datenquellen beleuchten unterschiedliche Ebenen. Keine von ihnen erfasst Skills oder Arbeitsleistung objektiv.
Pre-Post-Befragung
Arbeits- und familienbezogene Selbsteinschätzungen vor und nach dem Programm: 23 Personen zu Beginn, 18 in der zweiten Befragung.
Aggregierte App-Daten
84 dokumentierte Situationen mit insgesamt 350 Skill-Auswahlen und -Einschätzungen von 12 ausreichend aktiven Personen.
Nachbefragung
16 App-Nutzer*innen wurden eingeladen, 12 antworteten. Der Rücklauf lag damit bei 75 Prozent.
Deskriptive Befunde
Hohe Ausgangswerte, kleine Veränderungen, keine kausalen Schlüsse.
Das Profil blieb über den kurzen Projektzeitraum weitgehend stabil. Kleine Veränderungen traten in beide Richtungen auf.
| Merkmal | Vorher | Nachher | Vorsichtige Einordnung |
|---|---|---|---|
| Familienfreundliches Unternehmensklima | 4,02 | 4,08 | Nahezu unverändert; bereits hoher Ausgangswert |
| Identifikation mit dem Unternehmen | 4,30 | 4,44 | Kleine deskriptive Zunahme |
| Identifikation mit dem Team | 4,35 | 4,40 | Kleine deskriptive Zunahme |
| Vorgesetztenverhalten | 3,80 | 3,63 | Kleine deskriptive Abnahme |
| Zufriedenheit mit der Vereinbarkeit | 3,93 | 3,83 | Kleine deskriptive Abnahme |
| Bereicherung des Berufs durch die Familie | 3,87 | 3,87 | Unverändert |
| Chronische Erschöpfung | 2,84 | 2,87 | Nahezu unverändert; abweichende Skala |
Die ersten sechs Merkmale wurden auf fünfstufigen Skalen erfasst, chronische Erschöpfung auf einer vierstufigen Skala. Die Zahl der auswertbaren Personen kann je Skala variieren.
Die Pre-Post-Werte zeigen ein überwiegend stabiles Profil mit kleinen deskriptiven Veränderungen in beide Richtungen. Daraus lässt sich keine kausale Wirkung des Programms oder der App ableiten.
Stimme der Teilnehmenden
Beobachten und benennen wurde subjektiv am stärksten unterstützt.
In der zweiten Befragung schätzten die Teilnehmenden rückblickend ein, welchen persönlichen Nutzen sie aus dem Gesamtprogramm gezogen hatten.
Die Angaben beschreiben, wie die Teilnehmenden ihren Nutzen rückblickend einschätzten. Sie belegen nicht, dass Skills tatsächlich häufiger oder wirksamer im Beruf eingesetzt wurden.
Selbstbeobachtung im Alltag
84 Situationen – 350 Skill-Auswahlen.
Die App-Daten zeigen, welche Begriffe die kleine Pilotgruppe für ihre dokumentierten Situationen auswählte und wie sie diese subjektiv bewertete.
Häufig ausgewählte Begriffe
Die Auswahlhäufigkeit beschreibt diese Pilotgruppe und den damaligen Katalog. Sie ist weder ein Profil aller Eltern noch eine Rangfolge beruflich wichtiger Skills.
Zentrale Bedingung
Ohne informationelle Selbstbestimmung kein geschützter Lernraum.
Die Pilotgruppe befürwortete mögliche Einsatzfelder von be:able – aber ausdrücklich unter Bedingungen, die private Erfahrungen und persönliche Daten schützen.
Skillreflexion braucht einen geschützten Raum. Ohne Freiwilligkeit und informationelle Selbstbestimmung wird aus einer Lernchance ein Offenlegungsrisiko.
Was die Daten nicht zeigen
Ein Pilotprojekt liefert Hinweise, keinen Wirksamkeitsbeweis.
Die Grenzen gehören zur Ergebnisinterpretation. Sie verhindern, dass subjektive Einschätzungen oder kurze Pre-Post-Verläufe als objektiver Transfer- oder Wirkungsnachweis gelesen werden.
Kleine Auswahl
Selbstselektierte Pilotstichprobe aus sieben kleinen Unternehmen; keine Repräsentativität.
Teilnahmeverlauf
23 Personen zu Beginn, 18 in der zweiten Befragung und 12 mit mindestens dreitägiger App-Nutzung.
Hohe Ausgangswerte
Familienfreundlichkeit und Identifikation waren bereits vor dem Programm hoch.
Kein Vergleich
Keine Kontrollgruppe, keine Randomisierung und eine kurze Interventions- und Beobachtungsdauer.
Zusammengesetztes Programm
Workshops, Befragungen und App-Nutzung lassen keine isolierte App-Wirkung bestimmen.
Überwiegend Selbstberichte
Keine objektive Messung von Skills, Verhalten, Arbeitsleistung, Produktivität, Employability oder Arbeitgeberattraktivität.
Kein Langzeitnachweis
Nachhaltiger beruflicher Transfer und längerfristige organisationale Nutzung wurden nicht untersucht.
Historischer Kontext
Die Daten dokumentieren das Programm und den Stand von be:able im Jahr 2018.
Keine Eltern-Automatik
Aus Elternschaft oder Familienerfahrung lassen sich weder bestimmte Skills noch berufliche Eignung ableiten.
Das Projekt liefert Hinweise darauf, dass ein kurzer, strukturierter Reflexionsprozess die Wahrnehmung und Sprache für informell eingesetzte Skills unterstützen kann. Ob und unter welchen Bedingungen daraus nachhaltiger beruflicher Transfer oder organisationale Wirkung entsteht, bleibt weiter zu untersuchen.
Heutige WFI-Entwicklungslinie
Von der systematischen Personalentwicklung zu differenzierten Transfermodellen.
Die Projekte von 2012 und 2018 markieren frühe anwendungsbezogene Etappen. Spätere Studien und Instrumente differenzieren stärker zwischen Lerngelegenheit, Skill, Identitätsintegration, Transfererwartung, tatsächlicher Nutzung und organisationalen Bedingungen.
Acht Schritte zur Berücksichtigung informellen Lernens in der Personalentwicklung kleiner und mittlerer Unternehmen.
Digitales Reflexionstagebuch zur situationsbezogenen Wahrnehmung und Benennung informell eingesetzter Skills.
Verbindung aus Sensibilisierung, App-gestützter Selbstbeobachtung, Transferreflexion und Evaluation.
Weiterführung der Frage, wie informell eingesetzte Skills wahrgenommen und auf berufliche Kontexte bezogen werden.
Differenzierung von Skillprofil, Identitätsintegration, Transfererwartung, Nutzung, Anerkennung und SkillGates.
Heutige fachliche Einordnung des WFI: Reflexion allein genügt nicht. Für nachhaltigen Skilltransfer sind auch Aufgabenpassung, freiwillige Erprobung, Identitätsintegration, Führung und organisationale SkillGates relevant.
Dokumentation
Projektberichte und fachliche Anschlüsse.
Die historischen Materialien machen die Entwicklung von der organisationsbezogenen Handreichung 2012 zum Pilot- und Evaluationsprojekt 2018 nachvollziehbar.
Land Hessen
Über die hessenstiftung – familie hat zukunft.
WorkFamily-Institut
Projektleitung: Dipl.-Psych. Joachim E. Lask.
Goethe-Universität Frankfurt
Gemeinsam mit der Abteilung für Sozialpsychologie.
Handreichung 2012: Joachim E. Lask & Elisabeth Rosar. Projektbericht 2018: Joachim E. Lask, Elisabeth Gärtner & Dr. Nina M. Junker. Beide Dokumente sind historische Projektmaterialien und keine peer-reviewten Fachpublikationen.
Fragen zum Projekt oder zur heutigen Forschungslinie?
Wir ordnen historische Befunde ein und zeigen fachliche Anschlüsse an aktuelle WFI-Projekte.
