Forschung · Informelles Lernen
Scan Your Skills im Ehrenamt
Ehrenamtliches Engagement ist nicht nur gesellschaftlich bedeutsam. Es kann auch ein Lernraum sein, in dem Menschen anspruchsvolle Aufgaben übernehmen, neue Handlungsweisen erproben und Skills weiterentwickeln. Die Studie untersucht, wie Ehrenamtliche solche Skills wahrnehmen, reflektieren und in berufliche oder private Kontexte übertragen.
Erfahrung allein macht Skills noch nicht sichtbar. Reflexion schafft die Verbindung zwischen Handeln, Lernen und Transfer.
Forschungslogik
Wie wird Ehrenamt zum informellen Lernort?
Ehrenamtliche übernehmen je nach Tätigkeit Verantwortung, koordinieren Menschen und Aufgaben, lösen Konflikte, organisieren Projekte oder reagieren auf unvorhergesehene Situationen. Solche Erfahrungen können Lerngelegenheiten eröffnen. Ob daraus ein bewusst wahrnehmbarer und übertragbarer Skill entsteht, hängt jedoch davon ab, wie die Erfahrung bewältigt, verarbeitet und reflektiert wird.
Die Studie greift dafür die Logik des Work-Family-Enrichment und lebensbereichsübergreifender Spillover-Prozesse auf. Das WFE-Modell wurde nicht speziell für Ehrenamt entwickelt; es bietet jedoch einen theoretischen Rahmen, um den möglichen Transfer von Ressourcen zwischen Lebensbereichen zu betrachten.
Studienprofil
Die Studie auf einen Blick
Scan Your Skills im Ehrenamt
Forschungsprojekt zur Wahrnehmung, Reflexion und lebensbereichsübergreifenden Nutzung informell entwickelter Skills.
- Projektleitung und Autor*innen
- Joachim E. Lask und Juliane Rath
- Institutionen
- WorkFamily-Institut und Universität Würzburg
- Erhebungsform
- Online-Befragung
- Zeitraum
- 30. März bis 19. Juni 2023
- Gesamtteilnahme
- 235 Personen
- Auswertungen
- Bericht 1: N = 80 · Bericht 3: N = 144 vollständig auswertbare Datensätze
- Themen
- Informelles Lernen, Reflexion, Skillentwicklung und Spillover
- Zielkontexte
- Beruf und Privatleben
Stichprobenlogik: Die 235 Teilnehmenden beschreiben die Gesamtstudie, nicht die Fallzahl jeder einzelnen Auswertung. Bericht 1 nutzt eine definierte Teilstichprobe von 80 erwerbstätigen Personen ohne Reflexionsintervention. Bericht 3 analysiert 144 vollständig auswertbare Datensätze, verteilt auf eine Interventionsgruppe mit 64 und eine Kontrollgruppe mit 80 Personen.
Bericht 1 · Ausgangslage
Ehrenamt als Lernort für beruflich relevante Skills
Bericht 1 untersucht, ob Teilnehmende nach eigener Einschätzung im Ehrenamt bedeutsame Skills entwickelt oder weiterentwickelt haben und ob sie erwarten, dass diese Skills im Beruf hilfreich sein können.
gaben an, im Ehrenamt bedeutsame Skills entwickelt oder weiterentwickelt zu haben.
Selbstbericht · Teilstichprobe Bericht 1: N = 80erwarteten, dass ihnen diese Skills im beruflichen Kontext Vorteile bringen können.
Selbstbericht · Teilstichprobe Bericht 1: N = 80Die genannten Bereiche beschreiben Angaben der Teilnehmenden. Sie sind keine allgemeingültige Rangliste ehrenamtlich erworbener Skills und kein objektiver Leistungsnachweis.
Bericht 1 · Gruppenwerte
Unterschiede in der Selbsteinschätzung
In der ausgewerteten Teilstichprobe berichten Frauen höhere Anteile als Männer. Die Balken zeigen Prozentwerte der Selbstberichte; alle Werte sind zusätzlich als Text angegeben.
Bedeutsame Skillentwicklung berichtet
Positive Spillover-Erwartung in den Beruf
Vorsichtige Einordnung: Es handelt sich um Selbstberichte einer begrenzten Teilstichprobe von 44 Frauen und 36 Männern. Die Prozentwerte erklären mögliche Unterschiede in Tätigkeiten, Rollen, Reflexion und Wahrnehmung nicht. Sie erlauben weder kausale Erklärungen noch Aussagen über angeborene oder allgemeine Geschlechtsunterschiede.
Bericht 3 · Reflexion und Transfer
Treibstoff Reflexion: Ehrenamtliche Skills für Beruf und Privatleben
Bericht 3 unterscheidet zwischen Spillover-Erwartung und Spillover-Erfahrung. Die Erwartung beschreibt die angenommene Nützlichkeit eines Skills in einem anderen Lebensbereich. Die Erfahrung erfasst, ob eine entsprechende Anwendung tatsächlich berichtet wurde.
Erwartete Übertragbarkeit
Die berufliche Nützlichkeit ehrenamtlich entwickelter Skills wurde stärker erwartet als die Nützlichkeit im privaten Kontext.
Tatsächliche Anwendung
Die tatsächliche Nutzung der Skills wurde häufiger im privaten als im beruflichen Kontext berichtet.
Zwischen der Erwartung beruflicher Nützlichkeit und der tatsächlich berichteten Nutzung im Beruf besteht eine Transferlücke.
Reflexion als Zusammenhang
Höhere Werte auf der Engagement-Reflexions-Skala standen in positivem Zusammenhang mit allen vier untersuchten Spillover-Maßen für Beruf und Privatleben. Der Befund beschreibt einen statistischen Zusammenhang, nicht automatisch eine Ursache.
Intervention differenziert betrachten
Die einmalige Reflexionsintervention zeigte in der übergreifenden Prüfung nicht für alle vier Spillover-Maße einen signifikanten Effekt. In weiteren Kontext- und Gruppenanalysen ergaben sich jedoch spezifische Effekte. Eine pauschale Erfolgsgarantie wäre daher nicht angemessen.
Reflexionspraxis
Reflexion macht aus Erfahrung noch keinen Nachweis – aber eine prüfbare Hypothese
Situation erinnern
Welche konkrete Herausforderung wurde im Ehrenamt bewältigt?
Handeln beschreiben
Was wurde tatsächlich getan, angepasst oder entschieden?
Wirkung prüfen
Welche Folgen waren beobachtbar und welche Rückmeldungen gab es?
Transfer erproben
Für welche berufliche oder private Aufgabe könnte die Handlungsweise anschlussfähig sein?
Ein möglicher Skill wird fachlich belastbarer, wenn er verhaltensnah beschrieben, reflektiert, wiederholt angewendet und in einem neuen Kontext erprobt wird.
Bedeutung für die Praxis
Was aus den Ergebnissen folgen kann
Für Ehrenamtliche
- Erfahrungen bewusst reflektieren
- konkretes Handeln statt nur Rollenbezeichnungen beschreiben
- Skills in eine verständliche Sprache übersetzen
- berufliche Anwendungsmöglichkeiten als Hypothese prüfen
Für Freiwilligenorganisationen
- Reflexions- und Feedbackgelegenheiten schaffen
- Lernprozesse im Engagement sichtbar machen
- Tätigkeiten und Verantwortung verhaltensnah dokumentieren
- Transfer unterstützen, ohne pauschale Skillnachweise auszustellen
Für Arbeitgeber und Führungskräfte
- Ehrenamt als möglichen Lernkontext anerkennen
- im Entwicklungsdialog nach Handeln und Wirkungen fragen
- passende Aufgaben und Erprobungsmöglichkeiten anbieten
- organisationale Hindernisse für die Nutzung prüfen
Die Offenlegung eines ehrenamtlichen Engagements muss freiwillig bleiben. Ehrenamt darf weder zur Leistungspflicht noch zum automatischen Auswahlkriterium werden.
Wissenschaftliche Einordnung
Was die Studie zeigt – und was nicht
Die Studie zeigt
- wie Teilnehmende ihre Skillentwicklung im Ehrenamt einschätzen,
- welche Übertragbarkeit sie in Beruf und Privatleben erwarten,
- welche tatsächlichen Spillover-Erfahrungen sie berichten,
- wie Reflexion mit Wahrnehmung und Transfer zusammenhängt.
Die Studie zeigt nicht
- dass jede ehrenamtliche Tätigkeit automatisch Skills entwickelt,
- dass Selbstberichte objektive Leistungsnachweise sind,
- dass alle Ergebnisse uneingeschränkt übertragbar sind,
- dass ein wahrgenommener Skill automatisch im Beruf genutzt werden kann,
- dass aus Gruppenwerten feste Eigenschaften einzelner Personen folgen.
Die Ergebnisse beruhen auf Selbstberichten und unterschiedlichen Teilstichproben. Sie sind kontextbezogen zu interpretieren; insbesondere Wirkannahmen zur Reflexion müssen nach Auswertung und Zielgruppe differenziert werden.
Publikationen und Dateien
Berichte zur Studie
Beide veröffentlichten Beiträge stehen als PDF auf der Website des WorkFamily-Instituts zur Verfügung. Die DOI-Links führen jeweils zum dauerhaften Publikationsnachweis.
Ehrenamt ist ein effektiver Lernort für beruflich relevante Skills
DOI 10.13140/RG.2.2.32594.16321Treibstoff Reflexion: Ehrenamtliche Skills für Beruf und Privatleben
DOI 10.13140/RG.2.2.35754.12487Veröffentlichungsstand: Auf dieser Seite sind derzeit Bericht 1 und – gemäß aktueller Zuordnung – Bericht 3 veröffentlicht zugänglich. Weitere Auswertungen können nach Veröffentlichung ergänzt werden.
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Forschungsteam
Forschung und Auswertung
Joachim E. Lask
WorkFamily-Institut
Juliane Rath
Universität Würzburg
Abschluss
Ehrenamt sichtbar als Lernort verstehen
Ehrenamt kann Menschen mit komplexen Aufgaben, Verantwortung und neuen Rollen konfrontieren. Ob daraus ein bewusst wahrnehmbarer und übertragbarer Skill entsteht, entscheidet sich jedoch nicht allein an der Tätigkeit. Entscheidend sind Bewältigung, Rückmeldung, Reflexion, sprachliche Übersetzung und passende Möglichkeiten zur Anwendung.
Nicht das Ehrenamt an sich ist der Skillnachweis. Entscheidend ist, was Menschen konkret bewältigen, reflektieren und in neue Kontexte übertragen können.
