Forschung · Informelles Lernen

Scan Your Skills im Ehrenamt

Ehrenamtliches Engagement ist nicht nur gesellschaftlich bedeutsam. Es kann auch ein Lernraum sein, in dem Menschen anspruchsvolle Aufgaben übernehmen, neue Handlungsweisen erproben und Skills weiterentwickeln. Die Studie untersucht, wie Ehrenamtliche solche Skills wahrnehmen, reflektieren und in berufliche oder private Kontexte übertragen.

Erfahrung allein macht Skills noch nicht sichtbar. Reflexion schafft die Verbindung zwischen Handeln, Lernen und Transfer.

Online-Studie standardisierte Befragung
30.03.–19.06.2023 Erhebungszeitraum
235 Personen Gesamtteilnahme
Berichte 1 und 3 veröffentlicht zugänglich

Forschungslogik

Wie wird Ehrenamt zum informellen Lernort?

Ehrenamtliche übernehmen je nach Tätigkeit Verantwortung, koordinieren Menschen und Aufgaben, lösen Konflikte, organisieren Projekte oder reagieren auf unvorhergesehene Situationen. Solche Erfahrungen können Lerngelegenheiten eröffnen. Ob daraus ein bewusst wahrnehmbarer und übertragbarer Skill entsteht, hängt jedoch davon ab, wie die Erfahrung bewältigt, verarbeitet und reflektiert wird.

Die Studie greift dafür die Logik des Work-Family-Enrichment und lebensbereichsübergreifender Spillover-Prozesse auf. Das WFE-Modell wurde nicht speziell für Ehrenamt entwickelt; es bietet jedoch einen theoretischen Rahmen, um den möglichen Transfer von Ressourcen zwischen Lebensbereichen zu betrachten.

Erfahrung Eine konkrete Aufgabe schafft eine mögliche Lerngelegenheit.
Bewältigung Das tatsächliche Handeln wird in einer Anforderungssituation sichtbar.
Reflexion Handlungen, Wirkungen und Rückmeldungen werden eingeordnet.
Skillbenennung Eine Handlungsweise wird aus der einzelnen Situation gelöst.
Transfererwartung Die Person vermutet einen Nutzen in einem anderen Kontext.
Anwendung Der Skill wird bei einer passenden Aufgabe tatsächlich genutzt.

Studienprofil

Die Studie auf einen Blick

Scan Your Skills im Ehrenamt

Forschungsprojekt zur Wahrnehmung, Reflexion und lebensbereichsübergreifenden Nutzung informell entwickelter Skills.

Projektleitung und Autor*innen
Joachim E. Lask und Juliane Rath
Institutionen
WorkFamily-Institut und Universität Würzburg
Erhebungsform
Online-Befragung
Zeitraum
30. März bis 19. Juni 2023
Gesamtteilnahme
235 Personen
Auswertungen
Bericht 1: N = 80 · Bericht 3: N = 144 vollständig auswertbare Datensätze
Themen
Informelles Lernen, Reflexion, Skillentwicklung und Spillover
Zielkontexte
Beruf und Privatleben

Stichprobenlogik: Die 235 Teilnehmenden beschreiben die Gesamtstudie, nicht die Fallzahl jeder einzelnen Auswertung. Bericht 1 nutzt eine definierte Teilstichprobe von 80 erwerbstätigen Personen ohne Reflexionsintervention. Bericht 3 analysiert 144 vollständig auswertbare Datensätze, verteilt auf eine Interventionsgruppe mit 64 und eine Kontrollgruppe mit 80 Personen.

Bericht 1 · Ausgangslage

Ehrenamt als Lernort für beruflich relevante Skills

Bericht 1 untersucht, ob Teilnehmende nach eigener Einschätzung im Ehrenamt bedeutsame Skills entwickelt oder weiterentwickelt haben und ob sie erwarten, dass diese Skills im Beruf hilfreich sein können.

85 %

gaben an, im Ehrenamt bedeutsame Skills entwickelt oder weiterentwickelt zu haben.

Selbstbericht · Teilstichprobe Bericht 1: N = 80
70 %

erwarteten, dass ihnen diese Skills im beruflichen Kontext Vorteile bringen können.

Selbstbericht · Teilstichprobe Bericht 1: N = 80
Führung und Management Kommunikation Organisation und Zusammenarbeit Soziale und emotionale Skills Pädagogische und betreuungsbezogene Skills Technische und fachbezogene Skills

Die genannten Bereiche beschreiben Angaben der Teilnehmenden. Sie sind keine allgemeingültige Rangliste ehrenamtlich erworbener Skills und kein objektiver Leistungsnachweis.

Bericht 1 · Gruppenwerte

Unterschiede in der Selbsteinschätzung

In der ausgewerteten Teilstichprobe berichten Frauen höhere Anteile als Männer. Die Balken zeigen Prozentwerte der Selbstberichte; alle Werte sind zusätzlich als Text angegeben.

Vorsichtige Einordnung: Es handelt sich um Selbstberichte einer begrenzten Teilstichprobe von 44 Frauen und 36 Männern. Die Prozentwerte erklären mögliche Unterschiede in Tätigkeiten, Rollen, Reflexion und Wahrnehmung nicht. Sie erlauben weder kausale Erklärungen noch Aussagen über angeborene oder allgemeine Geschlechtsunterschiede.

Bericht 3 · Reflexion und Transfer

Treibstoff Reflexion: Ehrenamtliche Skills für Beruf und Privatleben

Bericht 3 unterscheidet zwischen Spillover-Erwartung und Spillover-Erfahrung. Die Erwartung beschreibt die angenommene Nützlichkeit eines Skills in einem anderen Lebensbereich. Die Erfahrung erfasst, ob eine entsprechende Anwendung tatsächlich berichtet wurde.

Erwartete Übertragbarkeit

Die berufliche Nützlichkeit ehrenamtlich entwickelter Skills wurde stärker erwartet als die Nützlichkeit im privaten Kontext.

M = 4,12 Beruf
M = 3,84 Privatleben

Tatsächliche Anwendung

Die tatsächliche Nutzung der Skills wurde häufiger im privaten als im beruflichen Kontext berichtet.

M = 3,98 Privatleben
M = 3,67 Beruf

Zwischen der Erwartung beruflicher Nützlichkeit und der tatsächlich berichteten Nutzung im Beruf besteht eine Transferlücke.

Reflexion als Zusammenhang

Höhere Werte auf der Engagement-Reflexions-Skala standen in positivem Zusammenhang mit allen vier untersuchten Spillover-Maßen für Beruf und Privatleben. Der Befund beschreibt einen statistischen Zusammenhang, nicht automatisch eine Ursache.

Intervention differenziert betrachten

Die einmalige Reflexionsintervention zeigte in der übergreifenden Prüfung nicht für alle vier Spillover-Maße einen signifikanten Effekt. In weiteren Kontext- und Gruppenanalysen ergaben sich jedoch spezifische Effekte. Eine pauschale Erfolgsgarantie wäre daher nicht angemessen.

Grundlage Bericht 3: 144 vollständig auswertbare Datensätze; 64 Personen in der Interventionsgruppe und 80 Personen in der Kontrollgruppe. DOI: 10.13140/RG.2.2.35754.12487.

Reflexionspraxis

Reflexion macht aus Erfahrung noch keinen Nachweis – aber eine prüfbare Hypothese

SCHRITT 01

Situation erinnern

Welche konkrete Herausforderung wurde im Ehrenamt bewältigt?

SCHRITT 02

Handeln beschreiben

Was wurde tatsächlich getan, angepasst oder entschieden?

SCHRITT 03

Wirkung prüfen

Welche Folgen waren beobachtbar und welche Rückmeldungen gab es?

SCHRITT 04

Transfer erproben

Für welche berufliche oder private Aufgabe könnte die Handlungsweise anschlussfähig sein?

Ein möglicher Skill wird fachlich belastbarer, wenn er verhaltensnah beschrieben, reflektiert, wiederholt angewendet und in einem neuen Kontext erprobt wird.

Bedeutung für die Praxis

Was aus den Ergebnissen folgen kann

Für Ehrenamtliche

  • Erfahrungen bewusst reflektieren
  • konkretes Handeln statt nur Rollenbezeichnungen beschreiben
  • Skills in eine verständliche Sprache übersetzen
  • berufliche Anwendungsmöglichkeiten als Hypothese prüfen

Für Freiwilligenorganisationen

  • Reflexions- und Feedbackgelegenheiten schaffen
  • Lernprozesse im Engagement sichtbar machen
  • Tätigkeiten und Verantwortung verhaltensnah dokumentieren
  • Transfer unterstützen, ohne pauschale Skillnachweise auszustellen

Für Arbeitgeber und Führungskräfte

  • Ehrenamt als möglichen Lernkontext anerkennen
  • im Entwicklungsdialog nach Handeln und Wirkungen fragen
  • passende Aufgaben und Erprobungsmöglichkeiten anbieten
  • organisationale Hindernisse für die Nutzung prüfen

Die Offenlegung eines ehrenamtlichen Engagements muss freiwillig bleiben. Ehrenamt darf weder zur Leistungspflicht noch zum automatischen Auswahlkriterium werden.

Wissenschaftliche Einordnung

Was die Studie zeigt – und was nicht

Die Studie zeigt

  • wie Teilnehmende ihre Skillentwicklung im Ehrenamt einschätzen,
  • welche Übertragbarkeit sie in Beruf und Privatleben erwarten,
  • welche tatsächlichen Spillover-Erfahrungen sie berichten,
  • wie Reflexion mit Wahrnehmung und Transfer zusammenhängt.

Die Studie zeigt nicht

  • dass jede ehrenamtliche Tätigkeit automatisch Skills entwickelt,
  • dass Selbstberichte objektive Leistungsnachweise sind,
  • dass alle Ergebnisse uneingeschränkt übertragbar sind,
  • dass ein wahrgenommener Skill automatisch im Beruf genutzt werden kann,
  • dass aus Gruppenwerten feste Eigenschaften einzelner Personen folgen.

Die Ergebnisse beruhen auf Selbstberichten und unterschiedlichen Teilstichproben. Sie sind kontextbezogen zu interpretieren; insbesondere Wirkannahmen zur Reflexion müssen nach Auswertung und Zielgruppe differenziert werden.

Publikationen und Dateien

Berichte zur Studie

Beide veröffentlichten Beiträge stehen als PDF auf der Website des WorkFamily-Instituts zur Verfügung. Die DOI-Links führen jeweils zum dauerhaften Publikationsnachweis.

Veröffentlichungsstand: Auf dieser Seite sind derzeit Bericht 1 und – gemäß aktueller Zuordnung – Bericht 3 veröffentlicht zugänglich. Weitere Auswertungen können nach Veröffentlichung ergänzt werden.

Forschungsteam

Forschung und Auswertung

Joachim E. Lask

WorkFamily-Institut

Juliane Rath

Universität Würzburg

Abschluss

Ehrenamt sichtbar als Lernort verstehen

Ehrenamt kann Menschen mit komplexen Aufgaben, Verantwortung und neuen Rollen konfrontieren. Ob daraus ein bewusst wahrnehmbarer und übertragbarer Skill entsteht, entscheidet sich jedoch nicht allein an der Tätigkeit. Entscheidend sind Bewältigung, Rückmeldung, Reflexion, sprachliche Übersetzung und passende Möglichkeiten zur Anwendung.

Nicht das Ehrenamt an sich ist der Skillnachweis. Entscheidend ist, was Menschen konkret bewältigen, reflektieren und in neue Kontexte übertragen können.

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