Forschung · Elternschaft · Informelles Lernen
Elterliche Skills im Job
Die Studienreihe „Elternkompetenzen & Arbeit“ – sieben Berichte von 2018 bis 2020
Wie nehmen erwerbstätige Eltern mögliche Skills wahr, die sie im Familienalltag entwickelt oder weiterentwickelt haben? Erwarten sie, diese Skills im Beruf nutzen zu können? Werden sie von Führungskräften erkannt und angesprochen? Und welche Rolle spielen Arbeitsklima und Unternehmenskultur? Die Studienreihe „Elternkompetenzen & Arbeit“ untersucht diese Fragen aus der Perspektive erwerbstätiger Eltern.
Elternschaft kann ein informeller Lernraum sein. Ob daraus beruflich nutzbare Skills werden, ist jedoch kein Automatismus.
Die Fallzahlen unterscheiden sich je nach Bericht, Fragestellung und vollständig vorliegenden Datensätzen.
Forschungslogik
Von familiärer Erfahrung zur beruflichen Nutzung
Die Studienreihe betrachtet nicht nur, ob Eltern sich selbst eine Skillentwicklung zuschreiben. Sie untersucht mehrere Übergänge zwischen Erfahrung und beruflicher Nutzung. Gerade diese Übergänge machen sichtbar, warum eine mögliche Skillentwicklung nicht automatisch im Unternehmen ankommt. Diese Perspektive ist anschlussfähig an das Work-Family-Enrichment.
Familiäre Anforderungen
Der Familienalltag kann Menschen mit komplexen, neuen oder wiederkehrenden Anforderungen konfrontieren.
Wahrgenommene Skillentwicklung
Eltern schätzen ein, ob sie durch deren Bewältigung bestimmte Skills entwickelt oder weiterentwickelt haben.
Transfererwartung
Sie erwarten, dass diese Skills auch im Beruf hilfreich sein könnten.
Wahrnehmung
Die Führungskraft müsste die Skills oder das entsprechende Verhalten erkennen können.
Gespräch und Passung
Skills, berufliche Aufgaben und mögliche Erprobungsräume werden miteinander in Beziehung gesetzt.
Berufliche Nutzung
Eltern erleben, dass ihre Skills in konkreten Arbeitssituationen hilfreich werden.
Wissenschaftliche Einordnung: Diese Darstellung ordnet die Fragestellungen der sieben Berichte. Sie ist keine empirisch bestätigte lineare Kausalkette.
Studienprofil
Die Studienreihe auf einen Blick
- Originaltitel
- „Elternkompetenzen & Arbeit“
- Themenseite
- „Elterliche Skills im Job“
- Autor*innen
- Joachim E. Lask und Dr. Nina M. Junker
- Institutionen
- WorkFamily-Institut und Institut für Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie, Goethe-Universität Frankfurt
- Erhebungsform
- Online-Befragung erwerbstätiger Eltern
- Zeitraum
- 27. Februar 2018 bis 29. Mai 2020
- Gesamtstand
- 407 Teilnehmende im letzten ausgewiesenen Stand
- Publikationen
- Sieben veröffentlichte Berichte
- Themen
- Informelles Lernen, wahrgenommene Skillentwicklung, Spillover-Erwartung, Wahrnehmung, Gespräch, berufliche Vorteile und organisationale Bedingungen
Die Studienreihe wuchs im Verlauf der Auswertungen. Frühere Berichte beruhen deshalb auf kleineren Stichproben als spätere Berichte. Zusätzlich wurden je nach Fragestellung nur bestimmte Gruppen oder vollständig vorliegende Antworten ausgewertet. Die Gesamtzahl von 407 darf daher nicht als Fallzahl jeder einzelnen Analyse verstanden werden.
Zentrale Ergebnisse
Was die sieben Berichte gemeinsam sichtbar machen
Die Berichte bilden kein einheitliches Messmodell mit durchgehend derselben Stichprobe. Zusammengenommen machen sie jedoch mehrere Übergänge zwischen möglicher Skillentwicklung, erwarteter Übertragbarkeit und erlebter Nutzung sichtbar.
Kapitel 1
Wahrgenommene Skillentwicklung und Transfererwartung
Die ersten drei Berichte befassen sich mit der Frage, ob Eltern bei sich eine Skillentwicklung wahrnehmen und ob sie eine berufliche Übertragbarkeit erwarten.
Bericht 1
4 von 5Vier von fünf der 249 ausgewerteten erwerbstätigen Eltern berichteten, im Familienalltag überfachliche Skills entwickelt oder weiterentwickelt zu haben.
Selbstbericht · Bericht 1 · N = 249Bericht 2
69 %69 Prozent der 120 erwerbstätigen Eltern ohne Führungsaufgaben erwarteten, dass ihre elterlichen Skills sie zu besseren Mitarbeitenden machen könnten.
Selbstbericht · Transfererwartung · Bericht 2 · N = 120Bericht 3
74 %74 Prozent der 190 erwerbstätigen Eltern mit Führungsaufgaben gaben an, mit ihren elterlichen Skills bessere Führungskräfte zu sein.
Selbstbericht · Transfererwartung · Bericht 3 · N = 190Die Formulierungen „bessere Mitarbeitende“ und „bessere Führungskräfte“ stammen aus den Selbsteinschätzungen beziehungsweise den zugrunde liegenden Aussagen der Studie. Sie sind keine objektiven Leistungsnachweise.
Kapitel 2
Sichtbarkeit und Gespräch
Die Berichte 4 und 5 zeigen eine deutliche Differenz zwischen der eigenen Transfererwartung der Eltern und der wahrgenommenen Sichtbarkeit ihrer Skills im Unternehmen.
Von der Führungskraft erkannt
22,30 %22,30 Prozent der 305 ausgewerteten Eltern berichteten, dass ihre Führungskraft Kenntnis von ihren elterlichen Skills habe.
Selbstbericht · Bericht 4 · N = 305Mit der Führungskraft angesprochen
15,11 %15,11 Prozent der Befragten gaben an, ihre Führungskraft beziehungsweise ihren Arbeitgeber auf die in der Familie entwickelten Skills angesprochen zu haben.
Selbstbericht · Bericht 5 · keine zweifelsfrei belegte Fallzahl ergänztEine hohe Transfererwartung bedeutet noch nicht, dass mögliche Skills für die Führungskraft sichtbar werden oder im Entwicklungsgespräch vorkommen.
Die Werte bilden keinen mathematischen Funnel: Die Berichte verwenden unterschiedliche Teilstichproben. Die PDF von Bericht 5 enthält bei der Beschreibung der Teilstichprobe eine rechnerisch uneinheitliche Fallzahlangabe.
Kapitel 3
Erlebte Vorteile und organisationale Bedingungen
Die Berichte 6 und 7 verschieben den Blick von der Erwartung auf die tatsächlich berichtete Anwendung sowie auf organisationale Rahmenbedingungen.
Erlebte berufliche Vorteile
37,4 %Von 329 vollständig ausgewerteten Datensätzen berichteten 37,4 Prozent konkrete Vorteile am Arbeitsplatz, die sie auf ihre elterlichen Skills zurückführten.
Selbstbericht · Bericht 6 · N = 329Organisationale Anerkennung
34,21 %34,21 Prozent der betreffenden Teilstichprobe gaben an, dass ihr Unternehmen informelles Lernen in der Familie begrüße und nutze.
Selbstbericht · Bericht 7 · N = 152Wertschätzung im Team
38,64 %38,64 Prozent der betreffenden Eltern ohne Führungsverantwortung berichteten, dass ihre elterlichen Skills von Kolleg*innen wertgeschätzt würden.
Selbstbericht · Bericht 7 · N = 44Zur Geschlechterdifferenz in Bericht 6: Väter berichteten berufliche Vorteile mit 43,5 Prozent häufiger als Mütter mit 34,1 Prozent. Diese Differenz darf nicht als allgemeiner oder angeborener Geschlechtsunterschied interpretiert werden. Die Studie erklärt nicht, welche Rolle Tätigkeiten, Arbeitszeit, Position, Sichtbarkeit, Rollenbilder oder Nutzungsmöglichkeiten dabei spielen.
Organisationale Anerkennung und Gesprächsbereitschaft
Die wahrgenommene organisationale Anerkennung informellen Lernens hing mit der Bereitschaft zusammen, die eigenen Skills gegenüber der Führungskraft anzusprechen (r = 0,49; p < 0,001). Der Zusammenhang zwischen einem allgemein familienfreundlich eingeschätzten Arbeitsklima und dem Ansprechen der Skills war dagegen nur schwach (r = 0,12; p < 0,05).
Einordnung: Die Ergebnisse sprechen dafür, Familienfreundlichkeit und die aktive Anerkennung informellen Lernens nicht gleichzusetzen. Die berichteten Zusammenhänge beruhen auf Selbstberichten und erlauben keine kausalen Schlussfolgerungen.
Benannte Skills
Drei wiederkehrende Skillbereiche
In den offenen Angaben der Teilnehmenden wurden zahlreiche mögliche Skills genannt. Diese lassen sich in drei übergeordnete Bereiche ordnen. Die Aufzählung ist keine standardisierte Kompetenzmessung und keine vollständige Rangliste.
Beziehungsorientierte Skills
- adressatengerechte Kommunikation
- Perspektivenübernahme
- Konfliktlösung
- Wertschätzung
- Empathie
- Verhandlung
Aufgabenbezogene Skills
- Organisation
- Prioritätensetzung
- Delegation
- konsequentes Handeln
- Flexibilität
- Koordination
Selbstbezogene Skills
- Geduld
- Emotionsregulation
- Belastbarkeit
- Frustrationstoleranz
- Selbstreflexion
- Umgang mit Stress
Entscheidend ist nicht die Rollenbezeichnung „Mutter“ oder „Vater“, sondern welche konkreten Anforderungen bewältigt, welche Handlungsweisen entwickelt und welche Wirkungen beobachtet wurden.
Transferlücke statt Kompetenzautomatismus
Zwischen möglicher Entwicklung und beruflicher Nutzung liegen mehrere Übergänge
Was bei der Person liegt
- Erfahrungen reflektieren
- konkretes Verhalten beschreiben
- mögliche Skills benennen
- berufliche Anwendungsideen entwickeln
- tatsächliche Wirkungen prüfen
Was im Arbeitskontext ermöglicht werden muss
- Offenheit für informelles Lernen
- psychologische Sicherheit für das Ansprechen
- aufmerksame Führung
- passende Aufgaben und Erprobungsräume
- Feedback und Anerkennung
- faire organisationale Regeln
Ein entwickelter Skill ist noch kein sichtbarer, anerkannter oder beruflich genutzter Skill.
Skilltransfer in OrganisationenWeiterentwicklung
Was aus der Studienreihe weiterentwickelt wurde
Die Studienreihe von 2018 bis 2020 legte eine frühe empirische Grundlage für die heutige WFI-Forschung. Die aktuelle Arbeit differenziert stärker zwischen wahrgenommener Skillentwicklung, Reflexion, Transfererwartung, Nutzung, Anerkennung und organisationalen SkillGates.
Parental SkillScan · PSS
Strukturierte Reflexion elterlicher Skills sowie ihrer wahrgenommenen Entwicklung, Transfererwartung, Nutzung und Anerkennung.
PSS kennenlernen →Elterliche Skills & informelles Lernen
Wie aus Erfahrung, Bewältigung, Reflexion und wiederholter Anwendung ein möglicher Skill entstehen kann.
Thema öffnen →Skilltransfer in Organisationen
Warum mögliche oder entwickelte Skills nicht automatisch sichtbar und beruflich genutzt werden.
Transfer verstehen →SKILL-GATE – Interviewstudie 2026
Wie Führungskräfte informell entwickelte Skills wahrnehmen, übersetzen, nutzen und organisational legitimieren.
Studie ansehen →„Strukturelle Anschlussfähigkeit elterlicher Skills an Führung und Zusammenarbeit“
Working Paper zur Frage, wie mögliche elterliche Skills mit beruflichen Aufgaben, Führung und Zusammenarbeit verbunden werden können.
Bedeutung für die Praxis
Was sich aus den Ergebnissen ableiten lässt
Für erwerbstätige Eltern
- konkrete familiäre Situationen reflektieren
- das eigene Handeln statt nur die Elternrolle beschreiben
- mögliche Skills mit beobachtbaren Wirkungen verbinden
- berufliche Anwendungsmöglichkeiten als Hypothese prüfen
- selbst entscheiden, ob die Elternrolle im Arbeitskontext thematisiert wird
Für Führungskräfte
- elterliche Skills weder voraussetzen noch abwerten
- nach konkreten Erfahrungen, Handlungen und Wirkungen fragen
- die Übertragbarkeit gemeinsam prüfen
- passende Aufgaben und Erprobungsräume anbieten
- Feedback zur tatsächlichen Anwendung geben
Für Organisationen
- informelles Lernen in Entwicklungsprozesse integrieren
- Reboarding nach Elternzeit und Mitarbeitendengespräche für eine Standortbestimmung nutzen
- transparente und faire Kriterien für Aufgaben und Verantwortung schaffen
- Führungskräfte für Skilltransfer und Rollenstereotype sensibilisieren
- Freiwilligkeit und Datenschutz wahren
Die Offenlegung familiärer Erfahrungen muss freiwillig bleiben. Elternschaft darf weder als automatischer Skillnachweis noch als Auswahl- oder Leistungskriterium verwendet werden.
Wissenschaftliche Einordnung
Was die Studienreihe zeigt – und was nicht
Die Studienreihe zeigt
- wie erwerbstätige Eltern ihre mögliche Skillentwicklung selbst einschätzen,
- welche berufliche Übertragbarkeit sie erwarten,
- wie häufig sie Wahrnehmung und Gespräche mit Führungskräften berichten,
- wie häufig konkrete berufliche Vorteile erlebt werden,
- welche organisationalen Bedingungen mit Sichtbarkeit und Gespräch zusammenhängen.
Die Studienreihe zeigt nicht
- dass Elternschaft automatisch bestimmte Skills hervorbringt,
- dass die genannten Skills objektiv getestet wurden,
- dass Selbsteinschätzungen objektive Leistungsnachweise sind,
- dass alle Ergebnisse auf sämtliche Eltern oder Organisationen übertragbar sind,
- dass die Prozentwerte aus unterschiedlichen Berichten einen gemeinsamen Funnel bilden,
- dass Korrelationen kausale Wirkungen belegen,
- dass Unterschiede zwischen Müttern und Vätern feste Eigenschaften der Geschlechter darstellen.
Publikationsarchiv
Sieben Berichte zur Studienreihe
Die Studienreihe war ursprünglich als zehnteilige Reihe geplant. Auf der WFI-Webseite liegen gegenwärtig sieben Berichte vor. Die historischen Originaltitel bleiben hier erhalten; ihre zugespitzten Formulierungen sind nicht automatisch als heutige wissenschaftliche Schlussfolgerungen zu verstehen.
Eltern erkennen ihre in der Familie entwickelten Kompetenzen
Bericht 1/10 · 27. Februar 2018Joachim E. Lask und Dr. Nina M. JunkerKurzbericht, PDF, 4 Seiten
Softskills – Mitarbeitertraining im Kinderzimmer
Bericht 2/10 · 9. April 2018Joachim E. Lask und Dr. Nina M. JunkerKurzbericht, PDF, 3 Seiten · ausführlicher Bericht, PDF, 12 Seiten
Führungskompetenz – Learning by Family
Bericht 3/10 · 2. April 2018Joachim E. Lask und Dr. Nina M. JunkerKurzbericht, PDF, 3 Seiten · ausführlicher Bericht, PDF, 9 Seiten
High Potentials – Elternkompetenzen im Unternehmen noch unerkannt
Bericht 4/10 · 9. Juni 2018Joachim E. Lask und Dr. Nina M. JunkerKurzbericht, PDF, 5 Seiten
Elternkompetenzen im Mitarbeitergespräch
Bericht 5/10 · 29. Juli 2019Joachim E. Lask und Dr. Nina M. JunkerKurzbericht, PDF, 4 Seiten
Mit Elternkompetenzen Vorteile am Arbeitsplatz – besonders für Väter
Bericht 6/10 · 9. September 2019Joachim E. Lask und Dr. Nina M. JunkerKurzbericht, PDF, 7 Seiten
Familienorientierte Unternehmenskultur fördert Integration von Elternkompetenzen
Bericht 7/10 · 29. Mai 2020Joachim E. Lask und Dr. Nina M. JunkerKurzbericht, PDF, 6 Seiten · ausführlicher Bericht, PDF, 13 Seiten
Archivstand: Sieben veröffentlichte Berichte der ursprünglich zehnteilig geplanten Studienreihe.
Verwandte Forschung und Publikationen
Weiterführende Forschung am WorkFamily-Institut
Forschungsteam
Forschung und Auswertung
Joachim E. Lask
WorkFamily-Institut
Dr. Nina M. Junker
Institut für Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie, Goethe-Universität Frankfurt
Fazit
Von der Erfahrung zur anschlussfähigen Ressource
Die Studienreihe „Elternkompetenzen & Arbeit“ machte früh sichtbar, dass viele erwerbstätige Eltern mögliche Skillentwicklungen und berufliche Transferchancen wahrnehmen. Zugleich zeigen die Ergebnisse eine deutliche Lücke zwischen eigener Transfererwartung, Sichtbarkeit, Gespräch und tatsächlich erlebter Nutzung. Die heutige WFI-Forschung führt diese Linie mit differenzierteren Instrumenten und organisationalen SkillGates weiter.
Nicht Elternschaft ist der Skillnachweis. Entscheidend ist, was Menschen konkret bewältigen, reflektieren, benennen und in passenden beruflichen Aufgaben wirksam einsetzen können.
