Forschung · Elternschaft · Informelles Lernen

Elterliche Skills im Job

Die Studienreihe „Elternkompetenzen & Arbeit“ – sieben Berichte von 2018 bis 2020

Wie nehmen erwerbstätige Eltern mögliche Skills wahr, die sie im Familienalltag entwickelt oder weiterentwickelt haben? Erwarten sie, diese Skills im Beruf nutzen zu können? Werden sie von Führungskräften erkannt und angesprochen? Und welche Rolle spielen Arbeitsklima und Unternehmenskultur? Die Studienreihe „Elternkompetenzen & Arbeit“ untersucht diese Fragen aus der Perspektive erwerbstätiger Eltern.

Elternschaft kann ein informeller Lernraum sein. Ob daraus beruflich nutzbare Skills werden, ist jedoch kein Automatismus.

Online-BefragungErwerbstätige Eltern
407 TeilnehmendeLetzter ausgewiesener Gesamtstand
7 BerichteVeröffentlicht und zugänglich
2018–2020Veröffentlichungszeitraum

Die Fallzahlen unterscheiden sich je nach Bericht, Fragestellung und vollständig vorliegenden Datensätzen.

Forschungslogik

Von familiärer Erfahrung zur beruflichen Nutzung

Die Studienreihe betrachtet nicht nur, ob Eltern sich selbst eine Skillentwicklung zuschreiben. Sie untersucht mehrere Übergänge zwischen Erfahrung und beruflicher Nutzung. Gerade diese Übergänge machen sichtbar, warum eine mögliche Skillentwicklung nicht automatisch im Unternehmen ankommt. Diese Perspektive ist anschlussfähig an das Work-Family-Enrichment.

1

Familiäre Anforderungen

Der Familienalltag kann Menschen mit komplexen, neuen oder wiederkehrenden Anforderungen konfrontieren.

2

Wahrgenommene Skillentwicklung

Eltern schätzen ein, ob sie durch deren Bewältigung bestimmte Skills entwickelt oder weiterentwickelt haben.

3

Transfererwartung

Sie erwarten, dass diese Skills auch im Beruf hilfreich sein könnten.

4

Wahrnehmung

Die Führungskraft müsste die Skills oder das entsprechende Verhalten erkennen können.

5

Gespräch und Passung

Skills, berufliche Aufgaben und mögliche Erprobungsräume werden miteinander in Beziehung gesetzt.

6

Berufliche Nutzung

Eltern erleben, dass ihre Skills in konkreten Arbeitssituationen hilfreich werden.

Wissenschaftliche Einordnung: Diese Darstellung ordnet die Fragestellungen der sieben Berichte. Sie ist keine empirisch bestätigte lineare Kausalkette.

Studienprofil

Die Studienreihe auf einen Blick

Originaltitel
„Elternkompetenzen & Arbeit“
Themenseite
„Elterliche Skills im Job“
Autor*innen
Joachim E. Lask und Dr. Nina M. Junker
Institutionen
WorkFamily-Institut und Institut für Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie, Goethe-Universität Frankfurt
Erhebungsform
Online-Befragung erwerbstätiger Eltern
Zeitraum
27. Februar 2018 bis 29. Mai 2020
Gesamtstand
407 Teilnehmende im letzten ausgewiesenen Stand
Publikationen
Sieben veröffentlichte Berichte
Themen
Informelles Lernen, wahrgenommene Skillentwicklung, Spillover-Erwartung, Wahrnehmung, Gespräch, berufliche Vorteile und organisationale Bedingungen

Die Studienreihe wuchs im Verlauf der Auswertungen. Frühere Berichte beruhen deshalb auf kleineren Stichproben als spätere Berichte. Zusätzlich wurden je nach Fragestellung nur bestimmte Gruppen oder vollständig vorliegende Antworten ausgewertet. Die Gesamtzahl von 407 darf daher nicht als Fallzahl jeder einzelnen Analyse verstanden werden.

Zentrale Ergebnisse

Was die sieben Berichte gemeinsam sichtbar machen

Die Berichte bilden kein einheitliches Messmodell mit durchgehend derselben Stichprobe. Zusammengenommen machen sie jedoch mehrere Übergänge zwischen möglicher Skillentwicklung, erwarteter Übertragbarkeit und erlebter Nutzung sichtbar.

Kapitel 1

Wahrgenommene Skillentwicklung und Transfererwartung

Die ersten drei Berichte befassen sich mit der Frage, ob Eltern bei sich eine Skillentwicklung wahrnehmen und ob sie eine berufliche Übertragbarkeit erwarten.

Bericht 1

4 von 5

Vier von fünf der 249 ausgewerteten erwerbstätigen Eltern berichteten, im Familienalltag überfachliche Skills entwickelt oder weiterentwickelt zu haben.

Selbstbericht · Bericht 1 · N = 249

Bericht 2

69 %

69 Prozent der 120 erwerbstätigen Eltern ohne Führungsaufgaben erwarteten, dass ihre elterlichen Skills sie zu besseren Mitarbeitenden machen könnten.

Selbstbericht · Transfererwartung · Bericht 2 · N = 120

Bericht 3

74 %

74 Prozent der 190 erwerbstätigen Eltern mit Führungsaufgaben gaben an, mit ihren elterlichen Skills bessere Führungskräfte zu sein.

Selbstbericht · Transfererwartung · Bericht 3 · N = 190

Die Formulierungen „bessere Mitarbeitende“ und „bessere Führungskräfte“ stammen aus den Selbsteinschätzungen beziehungsweise den zugrunde liegenden Aussagen der Studie. Sie sind keine objektiven Leistungsnachweise.

Kapitel 2

Sichtbarkeit und Gespräch

Die Berichte 4 und 5 zeigen eine deutliche Differenz zwischen der eigenen Transfererwartung der Eltern und der wahrgenommenen Sichtbarkeit ihrer Skills im Unternehmen.

Von der Führungskraft erkannt

22,30 %

22,30 Prozent der 305 ausgewerteten Eltern berichteten, dass ihre Führungskraft Kenntnis von ihren elterlichen Skills habe.

Selbstbericht · Bericht 4 · N = 305

Mit der Führungskraft angesprochen

15,11 %

15,11 Prozent der Befragten gaben an, ihre Führungskraft beziehungsweise ihren Arbeitgeber auf die in der Familie entwickelten Skills angesprochen zu haben.

Selbstbericht · Bericht 5 · keine zweifelsfrei belegte Fallzahl ergänzt

Eine hohe Transfererwartung bedeutet noch nicht, dass mögliche Skills für die Führungskraft sichtbar werden oder im Entwicklungsgespräch vorkommen.

Die Werte bilden keinen mathematischen Funnel: Die Berichte verwenden unterschiedliche Teilstichproben. Die PDF von Bericht 5 enthält bei der Beschreibung der Teilstichprobe eine rechnerisch uneinheitliche Fallzahlangabe.

Kapitel 3

Erlebte Vorteile und organisationale Bedingungen

Die Berichte 6 und 7 verschieben den Blick von der Erwartung auf die tatsächlich berichtete Anwendung sowie auf organisationale Rahmenbedingungen.

Erlebte berufliche Vorteile

37,4 %

Von 329 vollständig ausgewerteten Datensätzen berichteten 37,4 Prozent konkrete Vorteile am Arbeitsplatz, die sie auf ihre elterlichen Skills zurückführten.

Selbstbericht · Bericht 6 · N = 329

Organisationale Anerkennung

34,21 %

34,21 Prozent der betreffenden Teilstichprobe gaben an, dass ihr Unternehmen informelles Lernen in der Familie begrüße und nutze.

Selbstbericht · Bericht 7 · N = 152

Wertschätzung im Team

38,64 %

38,64 Prozent der betreffenden Eltern ohne Führungsverantwortung berichteten, dass ihre elterlichen Skills von Kolleg*innen wertgeschätzt würden.

Selbstbericht · Bericht 7 · N = 44

Zur Geschlechterdifferenz in Bericht 6: Väter berichteten berufliche Vorteile mit 43,5 Prozent häufiger als Mütter mit 34,1 Prozent. Diese Differenz darf nicht als allgemeiner oder angeborener Geschlechtsunterschied interpretiert werden. Die Studie erklärt nicht, welche Rolle Tätigkeiten, Arbeitszeit, Position, Sichtbarkeit, Rollenbilder oder Nutzungsmöglichkeiten dabei spielen.

Organisationale Anerkennung und Gesprächsbereitschaft

Die wahrgenommene organisationale Anerkennung informellen Lernens hing mit der Bereitschaft zusammen, die eigenen Skills gegenüber der Führungskraft anzusprechen (r = 0,49; p < 0,001). Der Zusammenhang zwischen einem allgemein familienfreundlich eingeschätzten Arbeitsklima und dem Ansprechen der Skills war dagegen nur schwach (r = 0,12; p < 0,05).

Einordnung: Die Ergebnisse sprechen dafür, Familienfreundlichkeit und die aktive Anerkennung informellen Lernens nicht gleichzusetzen. Die berichteten Zusammenhänge beruhen auf Selbstberichten und erlauben keine kausalen Schlussfolgerungen.

Benannte Skills

Drei wiederkehrende Skillbereiche

In den offenen Angaben der Teilnehmenden wurden zahlreiche mögliche Skills genannt. Diese lassen sich in drei übergeordnete Bereiche ordnen. Die Aufzählung ist keine standardisierte Kompetenzmessung und keine vollständige Rangliste.

Beziehungsorientierte Skills

  • adressatengerechte Kommunikation
  • Perspektivenübernahme
  • Konfliktlösung
  • Wertschätzung
  • Empathie
  • Verhandlung

Aufgabenbezogene Skills

  • Organisation
  • Prioritätensetzung
  • Delegation
  • konsequentes Handeln
  • Flexibilität
  • Koordination

Selbstbezogene Skills

  • Geduld
  • Emotionsregulation
  • Belastbarkeit
  • Frustrationstoleranz
  • Selbstreflexion
  • Umgang mit Stress

Entscheidend ist nicht die Rollenbezeichnung „Mutter“ oder „Vater“, sondern welche konkreten Anforderungen bewältigt, welche Handlungsweisen entwickelt und welche Wirkungen beobachtet wurden.

Transferlücke statt Kompetenzautomatismus

Zwischen möglicher Entwicklung und beruflicher Nutzung liegen mehrere Übergänge

Was bei der Person liegt

  • Erfahrungen reflektieren
  • konkretes Verhalten beschreiben
  • mögliche Skills benennen
  • berufliche Anwendungsideen entwickeln
  • tatsächliche Wirkungen prüfen

Was im Arbeitskontext ermöglicht werden muss

  • Offenheit für informelles Lernen
  • psychologische Sicherheit für das Ansprechen
  • aufmerksame Führung
  • passende Aufgaben und Erprobungsräume
  • Feedback und Anerkennung
  • faire organisationale Regeln

Ein entwickelter Skill ist noch kein sichtbarer, anerkannter oder beruflich genutzter Skill.

Skilltransfer in Organisationen

Weiterentwicklung

Was aus der Studienreihe weiterentwickelt wurde

Die Studienreihe von 2018 bis 2020 legte eine frühe empirische Grundlage für die heutige WFI-Forschung. Die aktuelle Arbeit differenziert stärker zwischen wahrgenommener Skillentwicklung, Reflexion, Transfererwartung, Nutzung, Anerkennung und organisationalen SkillGates.

„Strukturelle Anschlussfähigkeit elterlicher Skills an Führung und Zusammenarbeit“

Working Paper zur Frage, wie mögliche elterliche Skills mit beruflichen Aufgaben, Führung und Zusammenarbeit verbunden werden können.

Working Paper über DOI öffnen

Bedeutung für die Praxis

Was sich aus den Ergebnissen ableiten lässt

Für erwerbstätige Eltern

  • konkrete familiäre Situationen reflektieren
  • das eigene Handeln statt nur die Elternrolle beschreiben
  • mögliche Skills mit beobachtbaren Wirkungen verbinden
  • berufliche Anwendungsmöglichkeiten als Hypothese prüfen
  • selbst entscheiden, ob die Elternrolle im Arbeitskontext thematisiert wird

Für Führungskräfte

  • elterliche Skills weder voraussetzen noch abwerten
  • nach konkreten Erfahrungen, Handlungen und Wirkungen fragen
  • die Übertragbarkeit gemeinsam prüfen
  • passende Aufgaben und Erprobungsräume anbieten
  • Feedback zur tatsächlichen Anwendung geben

Für Organisationen

  • informelles Lernen in Entwicklungsprozesse integrieren
  • Reboarding nach Elternzeit und Mitarbeitendengespräche für eine Standortbestimmung nutzen
  • transparente und faire Kriterien für Aufgaben und Verantwortung schaffen
  • Führungskräfte für Skilltransfer und Rollenstereotype sensibilisieren
  • Freiwilligkeit und Datenschutz wahren

Die Offenlegung familiärer Erfahrungen muss freiwillig bleiben. Elternschaft darf weder als automatischer Skillnachweis noch als Auswahl- oder Leistungskriterium verwendet werden.

Wissenschaftliche Einordnung

Was die Studienreihe zeigt – und was nicht

Die Studienreihe zeigt

  • wie erwerbstätige Eltern ihre mögliche Skillentwicklung selbst einschätzen,
  • welche berufliche Übertragbarkeit sie erwarten,
  • wie häufig sie Wahrnehmung und Gespräche mit Führungskräften berichten,
  • wie häufig konkrete berufliche Vorteile erlebt werden,
  • welche organisationalen Bedingungen mit Sichtbarkeit und Gespräch zusammenhängen.

Die Studienreihe zeigt nicht

  • dass Elternschaft automatisch bestimmte Skills hervorbringt,
  • dass die genannten Skills objektiv getestet wurden,
  • dass Selbsteinschätzungen objektive Leistungsnachweise sind,
  • dass alle Ergebnisse auf sämtliche Eltern oder Organisationen übertragbar sind,
  • dass die Prozentwerte aus unterschiedlichen Berichten einen gemeinsamen Funnel bilden,
  • dass Korrelationen kausale Wirkungen belegen,
  • dass Unterschiede zwischen Müttern und Vätern feste Eigenschaften der Geschlechter darstellen.
Weitere Grenzen: Die Fallzahlen unterscheiden sich zwischen den Berichten. Teilweise wurden nur Eltern mit oder ohne Führungsverantwortung ausgewertet; einzelne Fragen wurden nur Teilgruppen vorgelegt. Bericht 5 enthält eine uneinheitliche Angabe zur Größe der Teilstichprobe. Die Terminologie der Originalberichte entspricht dem damaligen Stand des Forschungsprogramms. Die heutigen WFI-Modelle unterscheiden die einzelnen Transferstufen stärker.

Publikationsarchiv

Sieben Berichte zur Studienreihe

Die Studienreihe war ursprünglich als zehnteilige Reihe geplant. Auf der WFI-Webseite liegen gegenwärtig sieben Berichte vor. Die historischen Originaltitel bleiben hier erhalten; ihre zugespitzten Formulierungen sind nicht automatisch als heutige wissenschaftliche Schlussfolgerungen zu verstehen.

07

Familienorientierte Unternehmenskultur fördert Integration von Elternkompetenzen

Bericht 7/10 · 29. Mai 2020Joachim E. Lask und Dr. Nina M. JunkerKurzbericht, PDF, 6 Seiten · ausführlicher Bericht, PDF, 13 Seiten

Archivstand: Sieben veröffentlichte Berichte der ursprünglich zehnteilig geplanten Studienreihe.

Forschungsteam

Forschung und Auswertung

Joachim E. Lask

WorkFamily-Institut

Dr. Nina M. Junker

Institut für Psychologie, Abteilung Sozialpsychologie, Goethe-Universität Frankfurt

Fazit

Von der Erfahrung zur anschlussfähigen Ressource

Die Studienreihe „Elternkompetenzen & Arbeit“ machte früh sichtbar, dass viele erwerbstätige Eltern mögliche Skillentwicklungen und berufliche Transferchancen wahrnehmen. Zugleich zeigen die Ergebnisse eine deutliche Lücke zwischen eigener Transfererwartung, Sichtbarkeit, Gespräch und tatsächlich erlebter Nutzung. Die heutige WFI-Forschung führt diese Linie mit differenzierteren Instrumenten und organisationalen SkillGates weiter.

Nicht Elternschaft ist der Skillnachweis. Entscheidend ist, was Menschen konkret bewältigen, reflektieren, benennen und in passenden beruflichen Aufgaben wirksam einsetzen können.

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